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Reise ins Nirwana

In Der Kaiser von China erzählt Tilman Rammstedt die Geschichte von einem Großvater und seinem Enkel, und deren erfundener Reise nach China. Eine Geschichte, die trotz literarischer Kniffe und eines einfallsreichen Plots ein wenig hohl wirkt.

von Ronald Weber

Keith Stapperpfennig hat ein Problem. Er sitzt unter seinem Schreibtisch und weiß nicht weiter. Wie soll er seinen Geschwistern erklären, dass der Großvater tot ist – gestorben im Westerwald –, wo sie beide doch eigentlich auf einer ausgedehnten China-Reise sein sollten? Und was soll er seiner Freundin Franziska sagen, die er in wenigen Tagen heiraten wird und die unablässig bei ihm anruft?

Das ist die Ausgangssituation des Kaisers von China, Tilman Rammstedts zweitem Roman, mit dessen Rohfassung er 2006 beim Klagenfurter Wettbewerb den Ingeborg Bachmann-Preis sowie den Publikumspreis gewann. Die Jury begründete ihr Urteil mit dem Humor Rammstedts und der unbändigen poetischen Energie, welche der Text vermittle. Dem ist durchaus zuzustimmen.

Worum geht es?

Der Protagonist Keith Stapperpfennig ist gemeinsam mit seinen Geschwistern beim Großvater aufgewachsen, was, wie der Ich-Erzähler glaubhaft und anhand zahlreicher Episoden vermittelt, keine Freude war. Denn der Großvater ist ein rechthaberischer, grantiger Mann, der an allem etwas auszusetzen hat – zumal wenn es um seinen Lieblingsenkel Keith geht, der die pädagogischen Qualitäten des Großvaters in besonderer Weise erdulden muss.

Die unablässige Bevormundung und schnoddrige Ignoranz führen bei Keith zu einem inständigen Groll auf den Großvater. Dieser wird noch dadurch gesteigert, dass der verschrobene alte Mann im Beisein von Frauen zum Charmeur wird: »erst recht, wenn es sich um junge Frauen handelte, und ganz besonders bei jungen Frauen, die ich eingeladen hatte«. Aber jenseits des Umstands, dass es dem Enkel peinlich und unangenehm sein muss, wenn der Großvater sich als Gentleman inszeniert und Keith vor dessen Freundinnen am Abendbrottisch lächerlich macht, besitzt der ältere Herr doch eine gewisse Ausstrahlung. Diese führt in Verbindung mit einer »fast unheimliche[n] Konstitution« zu einem Kommen und Gehen immer neuer ›Großmütter‹, die meist wesentlich jünger als der Großvater sind, was im Haus zusätzlich für Befremden sorgt.

Doch nun plötzlich altert der Großvater rasch und die Enkel kommen auf die Idee, ihm eine gemeinsame Reise zu schenken, sozusagen zum Abschied. Am Ende bleibt als Mitreisender aber nur Keith übrig, weil alle anderen Termine und Arbeit vorschieben. Und der Großvater will keineswegs eine kleine Reise unternehmen – nein, China soll es sein, eine Idee, von der er sich trotz des Heranschaffens von Reiseprospekten anderer Urlaubsregionen und gutem Zureden nicht abbringen lässt: »›Geschenkt ist geschenkt‹, sagte er und dass er darüber nicht diskutieren wolle, und dann wurde ein Arm verschränkt und das Sterben ins Spiel gebracht.«

Da Keith, der vor den Zudringlichkeiten des Großvater schon in das Gartenhaus auf dem Familiengrundstück geflohen ist, aber partout nicht nach China will, lässt er den Großvater schließlich alleine ziehen. Allerdings teilt er das seinen Geschwistern nicht mit, schon deshalb nicht, weil er das von diesen für die Reise bereitgestellte Geld komplett im Kasino verspielt hat – und zwar mit Franziska, der 34-jährigen Exfreundin des Großvaters, mit der er seit geraumer Zeit ein Verhältnis hat und die er mehr aus Trotz denn aus Überzeugung heiraten will. Und auch der Großvater hat ein Geheimnis: Auch er fährt nicht nach China, sondern lediglich in den Westerwald. Von dort aus schreibt er dem Enkel eifrig Postkarten, die er mit kitschigen China-Motiven überklebt.

Buch


Tilman Rammstedt
Der Kaiser von China
Frankfurt: Dumot 2008
160 Seiten, 17,90 €

 
 
Der Tod des Großvaters, telefonisch mitgeteilt durch eine Pathologin, die Keith zur Identifizierung der Leiche bittet, bringt den Enkel dann in Erklärungsnot. Keith kommt auf eine phantastische Idee: Er leugnet der Pathologin gegenüber, dass es sich um seinen Großvater handelt und beginnt seinen Geschwistern Briefe über die Reise in China zu schreiben. Und so wird der Großvater in den immer länger werdenden Briefen, welche die Rahmenerzählung mehr und mehr zurückdrängen, am Ende fast zu einer liebenswürdigen Person. Denn Keith erfindet nicht nur die nach und nach sich als Kern des Plots erweisende Geschichte von des Großvaters Jugendliebe, der dicken chinesischen Artistin Lian und deren tragischem und aberwitzigem Tod (die nebenbei auch die Erklärung liefert, warum dem Großvater ein Arm fehlt), sondern schenkt ihm auch eine neue Liebe, mit der er glücklich und zufrieden in China verbleibt.

Mitunter lustig, mitunter redundant

Die Fiktion innerhalb der Fiktion, die Rammstedt mittels der Briefe herstellt, passt wunderbar zum etwas lügenhaften Charakter des Großvaters. So erklärt sich auch der Titel des Romans, der auf den bekannten Ausspruch ›Und ich bin der Kaiser von China‹, der Zweifel am Wahrheitsgehalt einer Geschichte oder einer Person ausdrückt, verweist. Tatsächlich können Keiths Briefe den Geschwistern kaum glaubhaft erscheinen. Einerseits weist Keith in den Briefen selbst auf deren zweifelhaften Wahrheitsgehalt hin, wenn er gesteht, er fühle sich auf seiner Reise wie in einer Erfindung. Andererseits ist – und das erscheint schon fast als ironischer Kommentar auf die Schwierigkeiten des Erzählens – Keiths Plotting dermaßen schlecht, dass er Dai, der chinesischen Begleiterin und neuen Freundin des Großvaters, damit die Verständigung funktioniert, mal eben die Fähigkeit andichtet, ein Dutzend Sprachen zu sprechen, darunter natürlich Deutsch.

Schön auch, wenn außerhalb des Romans auf der letzten Seite als einzigem Meta-Kommentar Rammstedts zu erfahren ist, das alles, »was in den Schilderungen Chinas der Wahrheit entsprechen mag«, dem Lonely Planet China entstamme und somit der Anschein von Authentizität doppelt gebrochen wird.

Auf der Inhaltsebene lebt der Roman von der Persönlichkeit des Großvaters und der Komik, die Rammstedt immer wieder aus der Kollision dieser Figur mit seinem Enkel und anderen Personen zieht. Rammstedt gelingt in der ersten Hälfte des Romans eine mitunter lustige Prosa, indem er sich vor allem eines komischen Verfahrens der Reihung und Steigerung bedient. So heißt es hinsichtlich der Gleichbehandlung der Kinder durch den Großvater:

Unangenehm wurde es, als meine jüngere Schwester ihre ersehnten Ballettstunden gewährt bekam und wir daraufhin alle am Unterricht teilnehmen mussten. Noch unangenehmer war die langwierige Mittelohrentzündung meines zweitältesten Bruders, bei der die Antibiotika gerecht unter uns aufgeteilt wurden. Zu Knochenbrüchen kam es in dieser Zeit glücklicherweise nicht.

Dass solche Komik ihre Grenzen hat und nach einer gewissen Gewöhnung schnell redundant wirkt, zeigt sich dann aber doch im Laufe des Romans.

Seltsam hohl

Sieht man von der Beziehung zu Franziska ab, die ein wenig arg konstruiert wirkt, ist Rammstedt mit Der Kaiser von China ein Roman gelungen, der – mit lauter Brüchen – irgendwo zwischen Reiseerzählung gepaart mit der auf den Massentourismus heruntergekommenen Faszination des Fernöstlichen, dem Phantastischen des Märchens und dem guten alten Familienroman pendelt. Rammstedt hat gut daran getan, aus dem arglos schwätzenden Großvater im Laufe der Binnenhandlung einen manchmal sogar sympathischen alten Mann zu machen. Die sich wandelnde Figur bindet das Interesse des Lesers und vertröstet über die in weiten Teilen vorhersehbare Handlung.

Verglichen mit anderen Gegenwartsromanen, die ähnliche Großvater-Enkel-Konflikte aufgreifen (zu denken wäre etwa an Dietmar Daths Waffenwetter), bleibt Der Kaiser von China seltsam hohl. Der Text ist kompositorisch ausgewogen, auf der Inhaltsebene aber bewegt es sich in einem gesellschaftlichen Nirwana. In dem Verhältnis zwischen Keith und seinem Großvater ist jenseits von Banalitäten nichts zu spüren von den Generationenkonflikten, die seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts prägend waren. Und so bleibt der etwas schale Eindruck, einen handwerklich gut gemachten Roman gelesen zu haben, der aber kaum etwas mitzuteilen hat. Kurzweil sieht anders aus.



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 Autor:
 Veröffentlicht am 20. November 2010
 Kategorie: Belletristik
 Foto von Einar Fredriksen via Flickr
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Alena Diedrich
 22. November 2010, 14:59 Uhr

Eine sehr gute Rezension, auch wenn ich den Kritikpunkten nicht ganz zustimmen kann. Ich habe den „Kaiser von China“ mehr als „phantastischen Briefroman“ gelesen, ein Spiel von Authemtizität und Fiktion, bei dem in jedem Moment die Fiktion gewinnt. Die Erzähler ist eine reine Münchhausen-Figur, man darf ihm kein einziges Wort glauben. Die Figuren wirken, als wären Sie einer Felicitas-Hoppe-Geschichte entsprungen. Ich habe mich extrem gut unterhalten gefühlt.

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