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Mysterious and elusive

Mit anthropologischem Gespür stellt Eliot Weinberger ungewöhnliche Zeugnisse aus allen Epochen dar und bringt sie mit Diskretion zum Leuchten. Erklärt wird nichts. Damit fordert die Lektüre vom Leser nicht nur Neugier, sondern auch kritisches Denken.

Von Felix Keutel

Haben Sie sich je gewundert, was Leute aus dem alten China geträumt haben, aber nur die mit dem Namen Chang? Nein? Eliot Weinberger beweist Ihnen, dass es sich dabei um eine Lektüre handelt, die sinnlos ist und sehr zu empfehlen. Ungewöhnliche Gegenstände finden sich bei ihm genug. Was sie eint, ist eine schwer allgemein zu vermittelnde Eigenschaft: Sie sind ungeheuer interessant. Denn jenseits aller Klischees und Erwartungen spürt Weinberger das Besondere auf, und – was eine weitere große Stärke ist – er stellt es auch genau so, in seiner Einmaligkeit, dar. Erklärungen und Hintergrundinformationen fehlen daher völlig. Damit verhindert Weinberger vor allem eines: Abgeklärtheit.

Der US-Amerikaner hat sich neben seinen bisherigen Essays, deren Themenbereich irgendwo zwischen Nacktmullen, indischen Märchen und dem Irak-Krieg liegt, besonders als Übersetzer von chinesischer und südamerikanischer Literatur aber auch als Autor politischer Artikel verdient gemacht. In seinem neuen Essayband Vogelgeister versammelt er, neben den erwähnten Traumaufzeichnungen, Mythen, Anekdoten, Bräuche, Text- und Liedfragmente, Gedichte, Sittengesetze, Tagebücher und Übersetzungen aus aller Welt. Mit seiner diskreten Prosa lässt Weinberger jeden Gegenstand in seiner ihm eigenen, ganz individuellen Aura erstrahlen. Das zeigt sich etwa in dem Essay Es war einmal in Albanien.

Mit der Härte des Gesetzes

Hier gibt Weinberger Auszüge aus dem »Kanun« wieder, einem alten Gewohnheitsrecht der Albaner, das im ausgehenden Mittelalter verschriftlicht wurde und womöglich auf Sitten beruht, die bis in die Bronzezeit zurückführen. Durch die Lakonie des Gesetzestextes entfalten sich nicht nur Kuriositäten (z. B. bekommt ein hochrangiger Gast von seinem Wirt einen Schafskopf, den er mit der Faust zertrümmern soll). Auch Abgründe tun sich auf: »Der Ehemann weist die Ehefrau zurecht und darf sie schlagen oder fesseln, wenn seine Worte missachtet werden.« »Der Vater darf seine Kinder schlagen oder fesseln. Tötet er sein Kind, gilt es als Selbstmord des Kindes.«
Wenn eine Frau nicht heiraten will, wird sie »gewaltsam ausgehändigt und der Vater gibt dem jungen Mann eine Kugel. Versucht sie zu fliehen, darf der junge Mann sie mit der Kugel erschießen. Es folgt keine Blutrache.« Hier muss niemand noch hinzufügen: »Wie schrecklich!« oder das Ganze künstlich überhöhen. Dieser Autor hält seinen Leser nicht am Händchen.

Weinberger übersetzt das Fremde in unsere Sprache, aber nicht in unser Denken. Ohne Wertung lässt er Dinge zu Wort kommen, von denen sich der rationale, aufgeklärte Geist sonst irritiert abwendet: Mechthild von Magdeburg sah in einer Vision einen Stein, groß wie ein Berg, von vielerlei Farben und süßem Geschmack. Sie fragt ihn, wer er sei. Der Stein antwortet: »Ich bin Jesus«. In seiner Auswahl zeigt der Autor sowohl Gespür für das Skurrile als auch seinen subtilen Humor. Im Steinkalender sind die unterschiedlichsten Ansichten, Aberglauben und Bräuche aus aller Welt versammelt, die kein anderes Thema verbindet als eben dieses: Steine. Was so banal klingt, fängt bei Weinberger an zu leuchten, so wie der Stein namens Lychnis, den man übrigens im Fluss Hydaspes finden kann, »indem man bei zunehmenden Mond Flöte spielt.«

Eine andere Wahrheit

Diese unkommentierte Darstellung gepaart mit dem nüchternen Stil lässt Weinbergers Fundstücke so wirken, als wäre man gerade selbst auf diese Schätze gestoßen. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn natürlich, was die Essays bieten, ist aufbereitet, ist präpariert. Doch zugleich auch wahr. In Weinbergers Texten steckt jene Wahrheit, die Werner Herzog als poetische, ekstatische Wahrheit bezeichnet: »It is mysterious and elusive, and can be reached only through fabrication and imagination and stylization.«1 So liest sich die folgende Passage aus Die Toten zunächst nüchtern wie aus einer Enzyklopädie über Todesrituale, ist dabei aber selbst so merkwürdig und fraglich wie ein Mythos:

»Die Namen der Toten können nicht ausgesprochen werden, denn sie werden glauben, man habe sie gerufen. Die Abiponen im Gran Chaco hatten die Namen von Pflanzen und Tieren. Wenn einer von ihnen starb, mussten sie etwas anderes in ihrer Sprache erfinden. Das Wort ›Jaguar‹, ein gebräuchlicher Name, änderte sich drei- oder viermal im Jahr. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es niemanden mehr, der die Sprache konnte und der versehentlich die Toten herbeigerufen hätte.«

Weinbergers nur selten vermittelnder, schnörkelloser Stil wirkt gerade dadurch so einnehmend, weil er sich keiner billigen Effekte bedient: keine erzwungene dramatische Zuspitzung, keine ›Entlarvung‹ exotischer Aberglauben, keine Vorzeichnung irgendeiner großen Parabel, keine Erklärungen. Aussagen werden gleichgewichtig behandelt, egal von wem, egal wie irrational. Er, der sich u. a. in der Tradition der sogenannten »Ethnopoetics« sieht, verallgemeinert das Besondere am Menschen nicht, sondern gibt ihm Raum – ohne dafür eine Völkerschau für knipsende Voyeure zu veranstalten.

Buch


Eliot Weinberger
Vogelgeister
Berenberg Verlag 2017
144 Seiten, 22€

 
 

Leider gekürzt

Unabhängig vom Autor muss noch etwas über die Auswahl der Texte durch den Verlag gesagt werden. Das Buch ist als Fortsetzung des ›seriellen Essays‹ An Elemental Thing (2007) konzipiert und enthält keine direkt politischen oder kulturkritischen Essays, für die der Amerikaner auch bekannt geworden ist (zu finden z. B. in der Sammlung Oranges & Peanuts For Sale). Das englische Original (The Ghosts of Birds) bietet nun – im Gegensatz zur deutschen Übersetzung – neben den Essays der An Elemental Thing-Fortsetzung noch 11 zusätzliche, die nicht daran anknüpfen. Durch das Weglassen dieser Zusatztexte ist die Ausgabe im Berenberg Verlag zwar konsequenter2 in der Fortführung des seriellen Essays. Im Vergleich zur englischen Taschenbuchausgabe ist sie damit aber auch immerhin um ca. einhundert Seiten kürzer.
Der Berenberg Verlag führt damit leider eine Tendenz fort. Setzte die erste Weinberger-Übersetzung, Das Wesentliche (An Elemental Thing), noch eins-zu-eins dieselben Essays wie das Original um, war die zweite, Orangen! Erdnüsse!, schon recht willkürlich von 28 auf 16 heruntergekürzt. Auch wenn die vorliegende Ausgabe der Vogelgeister durch die Bindung sehr ansprechend gestaltet und auch glänzend übersetzt ist: Für den Preis von 22€, der nur 2€ unter dem 70 Seiten stärkeren Das Wesentliche liegt, kann man mehr erwarten.

Dieser Umstand schmälert freilich nicht die Essays, raubt aber doch eine Dimension, wenn man Weinbergers Aufsätze über Aktuelleres nicht kennt. Beispielsweise beweist der Zusatz-Essay der englischen Ausgabe The Wall (über die deutsche Mauer), dass nicht nur Gegenstände aus fernen mythischen Zeiten die Aufmerksamkeit des Autors verdienen. Davon abgesehen zeigt Weinberger auch so, dass die Schätze der Welt noch lange nicht gehoben sind. Seine Vogelgeister-Essays sind eine abwechslungsreiche, faszinierende und auch ungewöhnliche Lektüre. Auf dieser angeblich entzauberten Erde gibt es noch viel zu entdecken – in den völlig subjektiven Zeugnissen der Menschen. Wer diesen einzigartigen Blick zu würdigen weiß, der braucht keine großen Erklärungen mehr.

  1. Diese Wahrheit ist also gerade das Gegenteil von ›Alternative Facts‹, die durch Fabrikation, Erfindung und Stilisierung von Fakten eine Lüge zu untermauern suchen.
  2. Aber auch nicht ganz konsequent: Einer der Zusatz-Essays wurde hinzugefügt sowie drei aus dem vorherigen Band (Orangen! Erdnüsse!) recycelt.


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 Autor:
 Veröffentlicht am 24. April 2018
 Kategorie: Belletristik
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