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Wiener Episoden
Schönheit und Strenge

Friederike Mayröcker ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum. Im Literaturhaus Alte Schmiede in Wien stellte sie ihr aktuelles Prosawerk ich sitze nur GRAUSAM da vor. Christian Dinger folgt dem Gedankenfluss des Romans und bringt seinen Exkurs in die Wiener Literaturszene vorerst zum Abschluss.

Von Christian Dinger aus Wien

Es gibt immer noch Ereignisse, denen man nur in Wien beiwohnen kann. Eine Lesung von Friederike Mayröcker ist ein solches Ereignis. Schon seit Längerem nimmt die gealterte Dichterin die Strapazen einer Reise nach Deutschland nicht mehr auf sich. Auch als ihr im letzten Jahr der renommierte Bremer Literaturpreis verliehen wurde, ließ sie sich vertreten. Allenfalls in Salzburg kann man sie noch erleben – oder eben in ihrer lebenslangen Heimat Wien. Im Literaturhaus Alte Schmiede war sie dieses Jahr zwei Mal zu Gast. Im Frühjahr stellte sie ihr neuestes Prosawerk ich sitze nur GRAUSAM da vor.

Das radikale Alterswerk

Die beiden Veranstaltungsräume der Alten Schmiede sind schön – und eigentlich viel zu klein für publikumswirksame Veranstaltungen. Das Literarische Quartier, der Kellerraum, in dem die Lesung mit Friederike Mayröcker stattfindet, erweist sich außerdem durch seine vielen Säulen als denkbar ungünstig für die Besucher auf den hinteren Plätzen und die vielen Stehgäste, was die Sicht aufs Podium betrifft. Doch man ist genügsam, wenn man bedenkt, dass der Eintritt bei allen Veranstaltungen der Alten Schmiede kostenlos ist. In weiser Voraussicht komme ich anderthalb Stunden vor Beginn der Lesung, um mir einen Platz zu sichern, von dem aus ich die Lesung nicht nur höre.

Wiener Episoden

Vienna is calling – Wien-Korrespondent Christian Dinger erkundet für Litlog das kulturelle Leben in Wien. Bisher erschien in der Reihe »Wiener Episoden« ein Einblick in die Thomas Bernhard-Rezeption heute sowie eine Besprechung zu einer Inszenierung von Elfriede Jelineks Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften im Garage X Theater.

 

Buch


Friederike Mayröcker
ich sitze nur GRAUSAM da
Suhrkamp: Berlin 2012
141 Seiten, 17,95€

 
 

Das Feuilleton spricht bei Mayröcker gerne von einem »radikalen Alterswerk«. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine pathetische Rezensentenphrase, charakterisiert das sprachgewaltige Spätwerk der Dichterin letzten Endes doch sehr treffend. Radikal ist sie in ihrer konsequenten Hinwendung auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache, radikal sind auch die Bilder, die sie durch diese Sprache erzeugt und wenn sie auch noch so sanft daherkommen.

Friederike Mayröcker sitzt jetzt auf dem Podium und blickt hin und wieder durch den Schleier ihrer ins Gesicht fallenden Haare zu dem Mann auf, der neben ihr stehend einige Einführungsworte spricht. Sie sieht aus als ob sie die etwas gelangweilt vorgetragenen Lobeshymnen und Werkbeschreibungen nur schwer ertragen kann; dennoch gibt es nach der Einführung eine herzliche Umarmung – man kennt sich in Wien. Dann beginnt die Lesung.

Es ist Sommer in diesem Buch, auch wenn die Gedankenströme den Leser zuweilen in andere Jahreszeiten tragen. Und es ist Sommer in Wien, als ich das Buch einige Zeit später anfange zu lesen. In der glutheißen Straßenbahn bei weit über 30° Außentemperatur gewinnen die Sätze des Romans an Realität und Gegenwärtigkeit:

Hitze so grosz, sage ich, dasz das Hemd das man anzog binnen weniger Minuten nasz war, dasz das nasse Hemd das man auszog binnen weniger Minuten trocken war, während es mich die Gasse hinunterschleuderte weil die Kniegelenke, als ob die Kniegelenke des linken Beines zerbrochen –

Im Roman wimmelt es auch von Blumen und Pflanzen, er ist von Efeu, Schwertlilien, Rosen und Olivenbäumen durchwachsen. Bescheidene Lebensfreude wechselt sich ab mit stiller Trauer. Wie in den früheren Romanen finden sich immer wieder Gespräche und Wortwechsel mit Ely, einer Figur, hinter der Mayröckers verstorbener Lebensgefährte Ernst Jandl vermutet wird.

Die Stimme der Dichterin im Kopf

Es gibt an diesem Abend mit Friederike Mayröcker kein Gespräch und keine Publikumsfragen, es wird nur vorgelesen. Und es ist auch schwer vorstellbar, wie ein solches Gespräch hätte aussehen sollen. Was hätte man diesem poetischen Buch durch ein erklärendes oder vertiefendes Interview als paratextuelle Ergänzung hinzufügen sollen? Aber auch wenn man an diesem Abend nicht mehr hört als man zu Hause auf dem Sofa selbst lesen kann, lohnt es sich. Denn die Worte Mayröckers im Buch verbinden sich in unverwechselbarer Weise mit dem Klang ihrer Stimme, so dass man nach einer solchen Lesung gar nicht anders kann als bei der eigenen Lektüre die Stimme der Dichterin im Kopf zu haben, wie sie einem das Gelesene laut vorliest. Sie trägt den Gedankenfluss im Buch mit einer ruhigen, leicht monotonen Stimme vor, die einen dezenten Wiener Einschlag hat. Das ist so beruhigend, dass ich in der zweiten Reihe kurz davor bin einzuschlafen, was aber den Effekt hat, dass sich in dem halbwachen Zustand, in dem ich mich befinde, die Vortragsweise noch tiefer in mein Bewusstsein einprägt.

Eine Rezension zu diesem Roman zu schreiben, stellt ein beinahe ebenso schwieriges und kühnes Unterfangen dar wie der Versuch das Gelesene in einem literaturkritischen Gespräch zu erörtern, besonders wenn es um eine Zusammenfassung oder ein abschließendes Urteil geht und man nicht zu viele Klischees bedienen will. Ich mache es mir sicherlich leicht, wenn ich diese Rezension mit einem Zitat aus dem Buch beende, statt zu versuchen, den gesamtpoetischen Eindruck des Romans in einer kurzen Formel zu umschreiben. Aber es ist in diesem Fall sowohl ehrlicher als auch zweckdienlich, denn die einzelnen Absätze in ich sitze nur GRAUSAM da sind für sich genommen bereits kleine poetische Werke, die als Bausteine eines fragmentarischen Komplexes wirken.

Ich faltete die Hände und hockte mich ins Geäst, in der Morgenröte das ist nicht einfach so 1 SCHRIFTSTELLEREI, sage ich zu Ely, weil ich schreibe mit der Seele, ich reibe mich auf, sage ich zu Ely, leuchte die finstersten Winkel der Welt aus, mit meiner Seele, meine Seele ist 1 kl. Taschenlampe, meine Seele ist 1 kl. Tier – es krabbelt in meinem Brustkorb umher ich kann es spüren wie es krabbelt, es ist vermutlich der Beginn einer Krankheit, sage ich, meine Seele geht zum Komponieren auf 4 Beinen, sage ich, sie krabbelt in meinem Brustkasten, geht auf Distanz.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 22. Oktober 2012
 Bild von kahanaboy via morguefile.
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