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Rebellion im Wohnzimmer

Mit großer Experimentierfreude schreibt Jochen Beyse in seinem neuesten Buch Rebellion. Zwischenbericht über den radikalen Versuch, sich von medialen Wirklichkeiten, heuchlerischen Gewissheiten des Alltags und Entwürfen des eigenen Selbst zu befreien. – Eine Geschichte über den wirren, komischen, melancholischen Rausch einer Nacht.

Von Sebastian Wilde

Am Anfang die Dämmerung. »Meine momentane Sicht der Dinge: Licht sickert durch Schleierwolken. Die Luft eine rauchig-trübe Sauce. Die Sonne … oder doch bereits der Mond – aus jedem Tag wird ein Abend, aus jedem Abend eine Nacht, Beweis: Das Leben verzapft sehr dunkle Träume, und am Ende wird es nicht mehr hell.«

Jochen Beyses neues Buch Rebellion ist die Geschichte eines geistigen Ausnahmezustands. Ein Icherzähler sitzt nachts allein in seiner Wohnung. Billiger »Grand Verdier« von Rewe, Zigaretten. Fernseher, Computer, Smartphone – kurz zuvor produzierten sie noch einen unerträglichen Schwall von Wirklichkeitsfetzen, jetzt ist alles ausgeschaltet. Nur noch bunte Standby-Lämpchen. Von oben kommt gedämpfte Musik einer Party, Straßengeräusche dringen durch das geöffnete Fenster. Ein angenehmer warmer Luftzug.

So sieht sie aus, die Rebellion, das »Projekt der Dunkelheit«. »Alles Abfall, was mich umgibt, die ganzen Apparate, all das sind Exkremente.« Endlich weg mit den heuchlerischen Gewissheiten der Wirklichkeit, den vertrauten Bildern, den erbärmlichen Sicherheiten des Lebens. Endlich Nacht.

Es hilft nur eins: Abschalten

Und was war vorher? Da herrschte medialer Sturm. Fernsehen, Radio, Computer, Spielkonsole. Daraus entwickeln sich absurde Allmachtsphantasien, pervertierte Formen der Selbstverwirklichung, die sich aus den Medien-Welten speisen und aktiv in einem Videospiel ausgelebt werden. Der arabische Frühling wird zum Ego-Shooter, Kairo der imaginäre Ort, an dem sich der Erzähler wie ein Irrer mit Maschinengewehrsalven seinen Weg frei ballert.

Buch-Info


Jochen Beyse
Rebellion. Zwischenbericht
diaphanes: Zürich,
176 Seiten, 18,95€

 
 
Immer wieder werden diese Szenen eingeblendet, als wolle Beyse zeigen, wie lächerlich es ist zu glauben, vom Wohnzimmersessel aus die Welt verstehen zu können. Zu glauben, die mediale Informationsflut, mit der wir uns orientieren, hätte irgendwas mit der Wirklichkeit zu tun. »FRÜHER kamen die Bilder … kamen von innen« – um dahin zurückzukehren, hilft nur eins: abschalten.

Das ist die Rebellion, die den Erzähler ganz auf sich selbst zurück wirft: »Ich drehte mich um. Das Zimmer erbärmlich. Aber wunderbar erbärmlich: weiß gekalkte Wände, mordsmäßig nackt und kahl.« Der Anfang ist gemacht.

Meditationen über einen Kühlschrank

Was nun folgt, wirkt wie eine Neugeburt des Erzählers. Ganz planlos bewegt er sich in seiner Wohnung, verliert sich in wunderbar abwegigen Gedankengängen, hört Geräusche, als hörte er sie das erste Mal in seinem Leben, beobachtet Dinge, als hätte er sie vorher nie gesehen. Trinkt seinen Rewe-Wein, raucht, steht am Fenster, blickt in die Nacht, rennt dann plötzlich in die Küche, um über den »kultische(n) Ort« seines Kühlschranks zu meditieren.

Und er verliert sich immer wieder in der zarten poetischen Welt eines gelesenen Buches, im Algier aus Albert Camus’ Der Fremde – »und es roch nach Meer, sehr schwach, salzig jedenfalls … es roch nach staubtrockener Luft, die in weiter Entfernung schon mit Regen vermischt ist und herübergeweht kommt, dass sprühfeine Tropfen die Luft durchsetzen, ohne dass man etwas auf der Haut spürt.«

In Rebellion wird dieses orientierungslose Herumtasten des Erzählers, werden die Sprunghaftigkeit seiner Gedanken und der rasche Wechsel der Eindrücke zum ästhetischen Prinzip. Einen klaren Plot gibt es nicht. Gerade das, ein Geländer, an dem sich der Leser festhalten könnte, will Beyse ja vermeiden.

Man muss sich einlassen auf dieses wirre, komische, melancholische Erzählgeflecht, muss es an sich heran lassen. Am besten ohne abzusetzen die hundertsechzig Seiten durchlesen, nicht nachfragen, wo das hinführt, einfach treiben lassen. Wer das kann, für den ist diese Nacht-Geschichte ein Glück.

Freiheit jenseits der Sprache

Das wilde, unbegreifliche Leben, das wir täglich mit einer Unmenge von »Angewohnheiten« unter Kontrolle bringen, die uns »das letzte bisschen Halt« geben – darum geht es Beyse, darum ging es ihm schon immer, etwa in seiner beschwingten Erzählung Das Affenhaus von 1986. Sie handelt von einem alternden Schriftsteller in einem Pflegeheim, der die Befreiung des Menschen aus den Zwängen der Disziplinierung als wilden Tarzanflug durch den Dschungel imaginiert, als rauschhaftes Springen von einem poetischen Bild zum anderen. Er will ausbrechen aus der Enge rationaler Begriffe und hinaus in die Weite einer wilden mythologischen Sprache.

All das wirkt aber auch immer etwas traurig, weil die mythologische Sprache auch nur aus Wörtern besteht, die eingeklemmt sind zwischen den Buchdeckeln und höchstens eine Ahnung geben können von der Unfassbarkeit der Welt, des Lebens, der Sterne. Wahre Freiheit gibt es nur jenseits der Sprache: »alle Mythen holen nicht zurück, was die Schöpfung an Unschuld verloren hat.«

Riss im Spiegelbild

Beyse ist ein leidenschaftlicher Aufklärungskritiker. Und so steht die Entfesselung des Ich, die radikale Infragestellung von Selbstentwürfen auch am Anfang der Rebellion. Beim Blick in den Spiegel wird sich der Erzähler selbst zum »Gespenst«: »Ein Riss ging durch die Spiegelfläche. Ein Gesicht, darauf abgebildet, zerfiel in zwei Hälften«.

Man merkt beim Lesen schnell, wie intensiv sich Beyse mit den Theorien der Postmoderne auseinandersetzt. Den großen Reiz erzeugt die Rebellion aber, weil Beyse es schafft, seinen hohen theoretischen Anspruch in eine wunderbare literarische Experimentierfreude zu verwandeln.

Man ist berauscht von dieser Nacht. Aber auch ein bisschen froh, wenn nach der letzten Seite die Sonne wieder aufgeht. Den Tag sieht man danach mit anderen Augen.



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 Veröffentlicht am 2. Juni 2014
 Kategorie: Belletristik
 Todays Fresh von Liam Key via Flickr
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